KOSTÜME

                      BRILLEN & SCHUHE

MATRIX: Hast du mit den Entwürfen für die Brillen und andere Accessoires zu tun?

KYM: Beim ersten Film half mir ein Freund, Richard Walker, beim Design für die Brillen. Diesmal erleben wir eine Upgrade-Version von Agent Smith, also wollten wir auch sein Aussehen verändern. Außerdem wollten wir alle anderen Brillen ein klein wenig abändern, weil wir beim ersten Mal durch unsere Arbeit einiges über Brillen gelernt haben – nicht nur in Bezug auf ihre Passform und ihre Verwendung bei Stunts. Auch die Gesichter der Darsteller haben sich etwas verändert. Alle sind vier oder fünf Jahre älter, etwas schlanker, der Haaransatz ist anders.

Was ich an Richards Mitarbeit so schätze: Er ist genau wie ich der Überzeugung, dass man sich den Konturen des Gesichts anpassen muss – wir müssen den Augenbrauen folgen, wir müssen die Brille wie einen Körperteil der betreffenden Person gestalten, also gerade nicht nach dem Motto: „Hier haben wir eine Gucci-Brille, die kostet 800 Dollar, also muss sie toll sein – setz’ sie einfach auf.“ Wir nahmen uns das also vor und Richard entwickelte tolle Ideen. Dabei gab es etliche Hürden zu nehmen, denn viele Firmen rissen sich um den Auftrag. Also ließen wir mehrere Firmen Prototypen nach meinen Vorgaben anfertigen. Dann entfernte ich die Markenzeichen, legte die Brillen auf einen großen Tisch, und die Brüder suchten sich welche aus, ohne die Marke zu kennen. Es stellte sich heraus, dass sie sich überwiegend für Richards Designs entschieden, und einige waren von mir – echt toll. Also haben wir diese angefertigt, und sie sehen wunderbar aus – hoffentlich kommen sie beim Publikum ebenso gut an wie beim ersten Mal.

MATRIX: Bestellt man die Brillen bei einem Brillenhersteller ähnlich wie Kleidung bei einer Firma für Herrenkonfektion?

KYM: Nein, das ist viel komplizierter. Richard arbeitet mit einigen Fabriken zusammen, die seine Prototypen herstellen, und Prototypen entstehen in einem völlig anderen Verfahren als die Massenproduktion. Es zahlt sich also aus, dass wir schon vor zwei Jahren angefangen haben, sonst hätte das überhaupt nicht geklappt. Für ein bestimmtes Brillengestell musste er eine Fabrik in Frankreich aufsuchen, ein anderes Gestell entstand in einer Fabrik in Hongkong, und ständig musste man mit all diesen Mitarbeitern Kontakt halten, die a) nicht unsere Sprache sprechen, b) mit MATRIX eigentlich nichts am Hut haben, außer dass das irgendwie cool ist und c) hoffen, auf diese Weise ihre Technologie weiterzuentwickeln, weil sie hier eine Idee umsetzen, die ihnen völlig neu ist und auf die sie selbst nicht gekommen sind.

Immer ist es ein kleiner Designer, der den Entwurf schließlich umsetzt, letztlich wird die Brille per Hand gefertigt, und dann muss man sich eine entsprechende Fabrik suchen. Schließlich muss man das Studio davon überzeugen, dass diese Person das viele Geld für die Fertigung von Hand wirklich wert ist, wo doch die Sonnenbrillen aus dem Supermarkt so viel billiger wären. Letzten Endes ließ Richard die Brillen durch seine eigene Firma herstellen, aber er musste einen Hersteller auftreiben, der bereit war, den Auftrag zu übernehmen. Das war ein großer Kampf, denn Sonnenbrillen-Fabrikanten denken in Dimensionen von vier Millionen Stück; sie interessieren sich nicht für 20 Brillen der einen oder 40 Brillen dieser und 30 Brillen jener Art; das lohnt sich für die natürlich nicht.

MATRIX: Beim ersten Film hast du bei der Fertigung bestimmter Stiefel mit Airwalk zusammengearbeitet. Wurde diese Partnerschaft bei den Sequels fortgesetzt?

KYM: Airwalk hat sich toll geschlagen, und wir versuchten sie wieder ins Team zu holen. Tatsächlich klappte das auch, aber da arbeiteten inzwischen andere Leute. Das war merkwürdig, denn wenn man eine Beziehung aufgebaut hat, muss man fünf Jahre später noch einmal von vorn anfangen, weil die Leute gewechselt haben und eine ganz andere Auffassung von ihrer Aufgabe mitbringen, denn in fünf Jahren verändert sich viel, auch der Personalbestand. Beim Product Placement bin ich also immer sehr vorsichtig, unter anderem auch, weil allgemein der Eindruck entsteht, dass man es nur einsetzt, um die Produkte umsonst zu bekommen. In jedem Fall dauert das sehr lange, und oft treffen die Produkte nie ein. Ich wollte also weiter mit den Leuten zusammenarbeiten, zu denen wir bereits eine Beziehung aufgebaut hatten, die effektiv geliefert und ihr Wort gehalten hatten und die Sache auch so ernstnahmen, dass die Produkte wirklich gut aussahen. Airwalk hat sehr schöne Schuhe für uns gefertigt – alle Stiefel für die Besatzungen der Schiffe. Das ist sehr wichtig, denn manchmal brauchte Keanu möglicherweise fünf Paare. Ständig explodiert etwas, man muss also auf Schäden gefasst sein – ein Paar pro Person reicht bei weitem nicht aus.

DER ZION-TEMPEL

MATRIX: Eine der schwierigsten Aufgaben für dich als Kostümbildnerin war bei diesem Film sicherlich die Drehwoche mit 900 Komparsen in Kalifornien; wie organisierst du eine derartige Menge von Kostümen?

KYM: Ich wusste ungefähr, wie die Komparsen aussehen sollten, traf also eine Farbauswahl für die Kleidung in der Höhle. Dann mussten wir die Stoffe festlegen, weil es in dieser Höhlenwelt feucht und heiß ist. Alle Nutzpflanzen werden in Wasserkulturen angebaut. Die Bewohner stellen daher ihre Kleider aus Hanf her, und zwar selbst, denn zu Grace Bros [Bekleidungsgeschäft] können sie nicht gehen, statt dessen gibt es Leute, die Kleidung anfertigen. Das ist zwar nicht Mad Max, aber die Kleider sind dennoch sehr fein und auf ganz eigene Art sehr schön. Wir legten Wert darauf, dass die Menschen zivilisiert aussehen; sie sollen nicht wie Gestrandete der Apokalypse wirken, die Kostüme müssen also einen gewissen Stil, eine gewisse Hochkultur ausdrücken.

Sobald wir diese Eckwerte festgelegt hatten, fertigte ich 30 Prototypen an. Dann engagierten wir Models und führten die Kostüme den Brüdern vor. Wir legten fest, was praktikabel ist und die Situation der Zion-Bewohner am besten widerspiegelt. Danach blieb überhaupt keine Zeit mehr – wir haben einfach die riesigen Stoffbahnen zusammengeworfen und haben dann abgewartet, was auf der anderen Seite an Kostümen herauskam.

Als die Statisten dann eintrafen, haben wir sie eingekleidet – die Kostüme wurde gemischt und aufeinander abgestimmt entsprechend des jeweiligen Standorts in der Szene und was ihnen am besten stand. Dann sammelten wir die Kostüme wieder ein, sorgten künstlich dafür, dass sie gebraucht aussehen, färbten sie, Brustwarzen mussten verdeckt werden, Schmuck kam hinzu. Das wirkt wahrscheinlich eher wie eine Collage als… immer wieder wird von Designern berichtet, die sich stundenlang mit jedem einzelnen Kostüm beschäftigen, aber das wäre in unserem Fall wohl kaum möglich gewesen. Wenn die Statisten am Drehort erscheinen, schaue ich mir jedes Kostüm an, und wenn ich dann im Einzelfall „Au weia“ denke, ziehe ich den Betreffenden beiseite, ändere das und lasse ihn dann auf das Set gehen. Grundsätzlich wissen alle meine Mitarbeiter, wie die Atmosphäre der betreffenden Szene angelegt ist, so dass sie die Chance haben, selbst etwas beizutragen und beispielsweise zu sagen: „Du könntest möglicherweise ein Lehrer sein“ oder „Du könntest einen Bibliothekar abgeben.“ Man gibt den Statisten etwas in die Hand, was ihre Vorstellungskraft beflügelt, eine Brille etwa oder eine Tasche. Jeder Statist sollte eine konkrete Vorstellung von seiner Rolle haben, ob er nun auf dem Weg zum Supermarkt ist oder in die Bücherei oder auf dem Heimweg. Denn das trägt zu seiner Haltung, zu seinem Mienenspiel etc. bei, und erst dadurch wird aus dem Kostümträger ein lebendiges Wesen.

MATRIX: Werden wir etwas von dieser Vorgeschichte Zions im Film sehen, oder geht es dabei nur um die Gespräche, die du mit Owen und den Regisseuren geführt hast, um euch in Bezug auf das Umfeld abzustimmen?

KYM: Es spielt überhaupt keine Rolle, ob der Zuschauer von der Vorgeschichte und den damit verbundenen Konzepten etwas zu sehen bekommt oder nicht. Hauptsache, das Resultat wirkt glaubwürdig. Wenn man sich vorher Zeit genommen hat, um die Logik der Situation konsequent zu durchdenken und all die kleinen Ungereimtheiten und Patzer auszumerzen, dann kommt das beim Publikum auch an. Wenn man in die Körbe schaut, sieht man Pilze – was wächst auch in Dunkelheit? Pilze! In dieser Kultur benutzt man Dampf als Energie. Der Dampf entsteht durch die Hitze im Erdinnern, also kapiert man, dass es um Landwirtschaft auf Wasserbasis geht. Tiere gibt es nicht, weil es keine Sonne gibt. Man muss all diese Einzelheiten nicht besonders erklären, sie ergeben sich einfach, weil wir uns vorher die Zeit genommen haben, die Glaubwürdigkeit abzuklopfen. Deswegen lassen sich die Zuschauer überzeugen… wenigstens hoffe ich das.

Auch über die Kostüme sollte das Publikum gar nicht weiter nachdenken, es soll einfach nur der Geschichte folgen. Denn letztlich ist allein das unsere Aufgabe: Wir bieten den Zuschauern eine emotionale Erfahrung, die sich aus dem Ablauf der Geschichte ergibt.

DIE ZWILLINGE

MATRIX: In einem Interview hat Peter Robb-King, der Chef-Maskenbildner, gesagt, dass der Kostümbildner das Gesamtkonzept entwickelt. Stimmt das im Allgemeinen?

KYM: Ja, wir sind schon viele, viele Monate vor dem Maskenbildner an der Vorbereitung beteiligt. Zum Beispiel waren die Aufnahmen mit den Zwillingen für den Anfang der Dreharbeiten vorgesehen. Sie sollten ein gewisses Etwas haben, aber uns fiel nichts Rechtes dazu ein. Ich stellte mir eine Mischung zwischen einem Südstaaten-Prediger und Jon Bon Jovi vor – genauso intensiv, aber ohne dass sie wahnsinnig wirken. Ich weiß nicht einmal genau, wie Jon Bon Jovi eigentlich aussieht, aber vor meinem geistigen Auge entwickelte ich ein Bild der Zwillinge, und das setzten wir in Skizzen um – inklusive Frisuren, Hauttönung und Make-up. Als dann Peter und Judy [Judith A. Cory, Leiterin der Frisurenabteilung] zu uns stießen, haben sie dieses Konzept verfeinert und ausgebaut – so entstand ihre Version der Zwillinge.

MATRIX: Die Zwillinge sind von einem ganz spezifischen Look geprägt. Gab es eine Phase, in der einer von ihnen bei einem Kostüm- und Make-up-Test den Regisseuren zum Abnicken vorgeführt wurde?

KYM: Aus genau dem Grund versuchen wir von allen Darstellern Testaufnahmen zu machen: Wie wirkt der Farbton des Make-ups auf Film? Welchen Ton hat das Grün? Wahrscheinlich werden die Zwillingen im Film gar nicht sehr grün aussehen; sie wirken grau, aber tatsächlich ist es ein Grünton. Wir testen also alle Beteiligten, um sicherzugehen. Denn wenn wir uns geirrt haben, müssen wir noch einmal von vorn anfangen. Normalerweise zeige ich den Brüdern Fotos von der zweiten Anprobe, und dann machen wir Testaufnahmen mit den Schauspielern, um die Entscheidung zu treffen.

DIE SCHIFFSBESATZUNGEN

MATRIX: Die Kostüme der verschiedenen Schiffsmannschaften bilden dazu einen starken Kontrast; wie sorgst du dafür, dass sich die Besatzungen voneinander unterscheiden?

KYM: Eigentlich gar nicht. Ich sehe sie als einheitliche Gruppe, denn sie alle gehören zur selben Armee, und auf jedem Schiff müssen Besatzungsmitglieder ausgetauscht werden, weil einige im Kampf fallen. Den Ersatz müssen sie sich von anderen Schiffen zusammenborgen. Ich habe also nicht versucht, große Unterschiede zu machen. Die Rangabstufungen entsprechen sich zum Beispiel: die Captains tragen Weinrot und Rot, die Lieutenants dunkles Blau. Grundsätzlich wollte ich diese Leute durch die Uniformen als einheitliche Gruppe definieren, auch wenn es Streitereien zwischen den einzelnen Schiffsbesatzungen gibt. Denn grundsätzlich haben sie natürlich ein gemeinsames Ziel und werden vom selben Commander befehligt. Stattdessen habe ich mich mehr auf die einzelnen Figuren konzentriert: Jada Pinkett Smith [Niobe] zum Beispiel ist sehr schmächtig, eine wunderschöne kleine Elfe – aber wie macht man aus ihr eine muskelbepackte Frau, die ein Schiff befehligt? Teilweise hat sie trainiert, teilweise schafft sie es mit ihrem überzeugenden Spiel, teilweise kommt es darauf an, wie viel ich von ihren Armen zeige.

MATRIX: Erlebst du, dass sich Schauspielerinnen und Schauspieler deutlich verändern, sobald sie ihr Kostüm anlegen?

KYM: Manchmal… hoffentlich fühlen sie sich anders. Bei manchen Schauspielern spürt man das sofort, bei anderen dauert es länger. Manche müssen ihre Kostüme erst ein paar Mal tragen, sie wachsen quasi hinein. Und sobald sie sich darin wohlfühlen, regen sie auch Veränderungen an. Sie bitten darum, hier eine Schicht abzunehmen, dieses oder jenes zu ändern. Wenn es ihrer Darstellung dient, unterstütze ich sie dabei gerne.

ANIMÉ & VIDEOGAME

MATRIX: MATRIX ist eine Welt auf der Kinoleinwand, aber bald bekommen wir die Gelegenheit, sie auch in einem Videospiel und in Animé-Kurzfilmen zu erleben. Warst du auch an diesen Projekten irgendwie beteiligt?

KYM: Ja. Das Interessante an dem Spiel ist, dass es für meine Figuren eine Vorgeschichte liefert. Wir erfahren, was Niobe und Ghost [Anthony Wong] außerhalb der Filmhandlung getan haben – das ist toll. Das ist eine wunderbare Art, die Geschichte zu vertiefen und Niobe besser kennen zu lernen, denn im Kinofilm ist die Möglichkeit dazu natürlich nur begrenzt. Auf diese Weise erfahren wir also mehr über sie, und das gilt auch für Persephone und Merovingian. Wie beim Film bin ich auch bei den Kostümen für das Spiel vorgegangen, wenn ich sie auch nicht tatsächlich anfertigen muss. Wir liefern nur die Entwürfe, die dann von den Computerkünstlern im Rechner generiert werden. Nach Absprache mit den Brüdern bekommen die Computer-Designer eine Stoffprobe von mir, und anhand meiner Entwurfsskizze machen sie dann ihre Arbeit.

MATRIX: Durftest du auch an den Animés mitwirken?

KYM: Alles, was wir vorbereiten, wird in unserer Datenbank abgespeichert, aus der sich die Animatoren bedienen. Ich bin echt gespannt darauf, was sie übernommen haben, wie sie unsere Arbeit verwenden oder neu deuten, was sie anders machen, denn der Look unterscheidet sich total.

MATRIX: Danke, Kym.


Interview von REDPILL
Mai 2002